Baumwollindustrie

Baumwolle ist die wichtigste Faser der Textilindustrie und wird zu über 90 Prozent industriell angebaut. Das bedeutet großflächiger Anbau in Monokulturen, künstliche Bewässerung und der intensive Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Diese Art der Kultivierung verursacht eine Vielzahl gravierender ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Probleme, die Mensch und Umwelt zugleich schwerwiegende Schäden zufügen. Hauptursache hierfür sind der enorme Wasserverbrauch, der Einsatz von Agrarchemie sowie ein wirtschaftliches Ungleichgewicht auf dem globalen Baumwollmarkt.

Wasserverbrauch
Was die Baumwollpflanze zum Wachsen benötigt ist Wasser. Durchschnittlich 8000 Liter, etwa 50 gefüllte Badewannen, muss man für die Produktion von einem Kilogramm Rohbaumwolle aufwenden. Damit die Wassergaben zur Ertragsmaximierung genau reguliert werden können, bevorzugt die Baumwollindustrie den Anbau in trockenem Wüstenklima mit künstlicher Bewässerung. 75 Prozent des weltweiten Baumwollanbaus erfolgen deshalb auf bewässerten Feldern. Zum Vergleich: Alle weltweit existierenden Haushalte zusammengerechnet, verbrauchen weniger Wasser als insgesamt für alle bewässerten Baumwollfelder benötigt wird.

Um die riesigen Plantagen zu versorgen, wird das Wasser aus Flüssen entnommen oder durch Tiefbohrungen aus der Erde gefördert. Wenn aus dem Ökosystem große Mengen Wasser abgezogen werden, führt dies zu einer Überlastung von Grund- und Oberflächengewässern. Die Folgen sind eine Verödung des Bodens, der Niedergang der Vegetation und der Verlust von Lebensräumen für Mensch und Tier. Im letzten Jahrhundert ist die Hälfte der Feuchtgebiete von der Erde verschwunden. Die Übernutzung von Grundwasser durch die Agrarindustrie stellt daher eine große Bedrohung für die Ökosysteme dar.

Die intensive Bewässerung führt auch zu einer Versalzung der Böden. Regelmäßige und hohe Wassergaben waschen Salze aus den tiefer liegenden Erdschichten, die sich in den oberen Schichten anreichern. Bei zu hohem Salzgehalt wird der Boden schließlich unfruchtbar und geht für die landwirtschaftliche Nutzung verloren.

Agrarchemie
Im industriellen Baumwollanbau werden besonders ertragsreichen, sogenannte Kulturbaumwollarten gepflanzt. Diese gezüchteten Sorten sind wesentlich anfälliger für Krankheiten als ihre wilden Artgenossen. Gleichzeitig begünstigt der Anbau in Monokultur die Ausbreitung von Krankheiten, Pilzen und Schädlingen.

Saatgut und Pflanzen werden deshalb intensiv mit Pflanzenschutzmitteln, so genannten Pestiziden behandelt, um hohe Verluste zu vermeiden. Pestizide sind künstliche Substanzen, die Pflanzen vor Schädlingen schützen, Nährstoffmangel verhindern oder die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten erhöhen sollen. Der industrielle Baumwollanbau ist weltweit einer der Hauptabsatzmärkte für Pestizide. Der jährliche Verbrauch liegt hier bei 150.000 bis 250.000 Tonnen. Zum Vergleich: Auf allen landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland werden insgesamt etwa 30-35 Tonnen Pestizide pro Jahr ausgebracht.

Für die Arbeiter und die Bevölkerung in der Umgebung der Felder stellen die hoch giftigen Agrarchemikalien eine außerordentliche Gefahr dar. Im Baumwollanbau kommt es jährlich zu ca. 120.000 Vergiftungsfällen, etwa 2300 davon enden tödlich. Die Stoffe beeinflussen u. a. die Fortpflanzung, das Immunsystem, die Entwicklung von Organen und die neuronalen Funktionen des Menschen. Geschlechtsumwandlungen, Missbildungen, Krebs und Verhaltensstörungen können die Folge sein. Mit 50 bis 75 Prozent aller tödlichen Vergiftungsfälle sind besonders die Entwicklungsländer betroffen. Das Ausbringen der Pestizide erfolgt dort vielfach von Hand. Zudem verkaufen Pestizid-Hersteller Wirkstoffe in die Entwicklungsländer, die in Europa aufgrund starker gesundheits- und umweltgefährdender Wirkungen verboten sind. So kommen auf eine Pestizid-Vergiftung in den Industriestaaten etwa 13 Vergiftungen in den Entwicklungsländern.
Pestizide erwirken darüber hinaus eine signifikante Floraverarmung und stören das ökologische Gleichgewicht. Leicht flüchtige Pestizide können dabei über Luftpfade große Distanzen überwinden. Sie werden als eine der Ursachen für den Rückgang von Fisch-, Amphibien- und Vogelarten angesehen und wirken sich negativ auf die Meeresfauna von Nordsee und Atlantischem Ozean aus.

Auch für die Verbraucher entsteht eine direkte Belastung. Der Pestizideinsatz verursacht eine Rückstandsvergiftung der Baumwolle, die nach gegenwärtigen Untersuchungen bei durchschnittlich 250 ng pro Kilo liegt.

Gleichzeitig ist Baumwolle das Agrarprodukt mit dem höchsten Einsatz von synthetischen Düngemitteln, denn großflächige Monokulturen führen zur zügigen Abnutzung des Bodens. Der langfristige Einsatz dieser Düngemittel verursacht eine Versalzung der Böden. Gelangen die Düngemittel in Grund und Oberflächengewässer, kann dies zur Eutrophierung der Ökosysteme führen. Dieses Phänomen ist auch hierzulande bekannt, wenn im Sommer die Badeseen „umkippen“, sich also der Nährstoffgehalt der Gewässer durch die Düngung der umliegenden Felder derartig erhöht, dass der See übersättigt und Flora und Fauna absterben.

Soziale und wirtschaftliche Probleme
Die industrielle Baumwollproduktion erzeugt besonders in den Entwicklungsländern zunehmend soziale und wirtschaftliche Probleme.
Der Anbau von Agrarprodukten für den Export wie Baumwolle, konkurriert in den hoch verschuldeten Entwicklungsländern mit der Produktion von Nahrungsmitteln für die Bevölkerung. Die sogenannten »cash crops« belegen in Afrika beispielsweise 5-20 Prozent der Anbauflächen je nach Land, mit der Konsequenz, dass in Afrika die Menschen hungern, während auf ihren Äckern Baumwolle für den westlichen Textilmarkt wächst.

Der intensive Einsatz von Agrarchemie verursacht eine kontinuierliche Abhängigkeit der Baumwollbauern von der Dünge- und Pflanzenschutzmittelindustrie. Dies hat negative wirtschaftliche Folgen für alle Baumwollproduzenten, besonders aber für die Entwicklungsländer. Die Ausgaben der Bauern in Mexiko, Mali und Tansania für diese Substanzen belaufen sich bereits auf 50-60 Prozent der Gesamtproduktionskosten, wodurch sich das Einkommen der Bauern stetig verringert. Gleichzeitig ist der Preis für Baumwolle in den vergangenen 20 Jahren um über 50 Prozent gesunken. Die Hauptursache für den Verfall sieht man in der Subventionspolitik der Industrieländer. Durch die Unterstützungen, die die EU und die USA an ihre Baumwollproduzenten zahlen, entsteht eine weltweite Überproduktion, die zum Abfall der Weltmarktpreise führt. Für viele Entwicklungsländer ist Baumwolle eine der wichtigsten Einkommens- und Devisenquellen. Deshalb verschärfen sich die wirtschaftlichen Probleme dieser finanzschwachen Länder durch den kontinuierlich sinkenden Rohstoffpreis.
Zum Vergleich: 25 000 US-amerikanische Baumwollbauern erhalten knapp 50 Prozent der weltweiten Baumwollsubventionen, während in Westafrika 15 bis 20 Millionen Menschen kaum mehr von ihren Einkünften aus der Baumwollproduktion leben können.

Mehr Informatione zu diesem Thema finden Sie unter:
>> PAN – Pesticide Action Network Germany
>> Kampagne für Saubere Kleidung


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